Der Edelmetallmarkt hat am Freitag ein historisches Signal gesendet: Der Silberpreis ist im Tagesverlauf erstmals über die Marke von 100 US-Dollar je Feinunze gestiegen. Damit wurde eine Schwelle überschritten, die lange als psychologisch kaum erreichbar galt – selbst unter überzeugten Silber-Bullen.
Am späten Nachmittag notierte Silber um die Marke von 100 US-Dollar, ohne diese bislang nachhaltig überwinden zu können. Eine kurzfristige Konsolidierung auf diesem Niveau ist wenig überraschend. Angesichts der Dynamik der vergangenen Monate stellt selbst eine Atempause kein Schwächesignal dar, sondern eher eine Stabilisierung auf sehr hohem Niveau.
Einordnung: Überraschung – aber keine völlige
Dass Silber diese Marke erreicht, kommt nicht völlig aus dem Nichts. Einzelne Marktbeobachter hatten diesen Schritt bereits erwartet, während andere davon ausgingen, dass der Preis an dieser Hürde zunächst scheitern würde. Der heutige Ausbruch zeigt vor allem eines: die außergewöhnliche Stärke des aktuellen Trends.
Besonders bemerkenswert ist, dass diese Entwicklung zeitlich mit der Veröffentlichung des aktuellen LBMA Forecast Survey zusammenfällt – der jährlichen Umfrage unter Analysten des Londoner Edelmetallmarktes zu den Preisentwicklungen von Gold und Silber im laufenden Jahr.
LBMA-Umfrage: Silber mit weiterem Aufwärtspotenzial
Die Prognosen für 2026 zeichnen ein ausgesprochen bullisches Bild für Silber. Zwar gibt es einzelne Stimmen, die auch Rückschläge für möglich halten – teils bis in den Bereich von 42 US-Dollar –, doch die Mehrzahl der Analysten sieht deutlich höhere Preise.
- 17 von 26 Analysten erwarten, dass Silber die Marke von 100 US-Dollar überschreiten wird – was nun bereits Anfang 2026 eingetreten ist.
- Drei Analysten halten sogar Preise von 160 US-Dollar und mehr für möglich.
- Ein Analyst nennt ein Kursziel von 165 US-Dollar je Feinunze.
Diese Prognosen wirken auf den ersten Blick extrem. Vor dem Hintergrund der jüngsten Preisentwicklung erscheinen sie jedoch nicht mehr völlig abwegig.
Warum Analysten weiter bullisch bleiben
In den Kommentaren der Analysten werden mehrere zentrale Argumente immer wieder genannt:
- Strukturelles Angebotsdefizit
Der Silbermarkt leidet seit Jahren unter einer Unterversorgung. Die Minenproduktion stagniert oder geht zurück, während die Nachfrage kontinuierlich steigt. - Starke industrielle Nachfrage
Insbesondere Photovoltaik, Elektromobilität, KI-Anwendungen und erneuerbare Energien treiben den Silberverbrauch. Silber ist in vielen dieser Technologien kaum substituierbar. - Momentum und Marktpsychologie
Die aktuelle Aufwärtsbewegung verstärkt sich selbst – eine klassische Momentum-Rally, bei der steigende Preise neue Käufer anziehen. - Umschichtung von Gold zu Silber
Nach mehreren Allzeithochs bei Gold und einem Preisniveau nahe 5.000 US-Dollar suchen Anleger zunehmend nach Alternativen – und finden diese im Silber.
Gleichzeitig weisen die Analysten ausdrücklich darauf hin, dass diese Entwicklung keine Einbahnstraße ist. Nach einer nahezu parabolischen Rally sind auch stärkere Gegenbewegungen jederzeit möglich.
Parabolische Bewegung – Zeitenwende oder Höhepunkt?
Ein Blick auf die mittel- und langfristigen Charts zeigt, wie ungewöhnlich die aktuelle Entwicklung ist. Innerhalb weniger Monate hat sich der Silberpreis in einer Geschwindigkeit nach oben bewegt, die historisch selten ist.
Unterm Strich lassen sich zwei Szenarien nicht ausschließen:
- Entweder erleben wir eine strukturelle Zeitenwende am Silbermarkt.
- Oder wir sehen einen außergewöhnlichen Höhepunkt, dem früher oder später eine deutliche Korrektur folgt.
Nach Einschätzung vieler Analysten ist die Wahrscheinlichkeit jedoch nicht gering, dass die Rally zunächst weiterläuft – auch, weil starke Trends dazu neigen, sich länger fortzusetzen als rational erklärbar wäre.
Die optimistischsten Stimmen: 150 bis 165 US-Dollar
Besonders hohe Kursziele nennen einzelne Analysten:
- Julia Do sieht für 2026 eine Spanne von 100 bis 150 US-Dollar. Sie verweist auf geopolitische Spannungen, Zinssenkungserwartungen in den USA und die im Vergleich zu Gold deutlich höhere Volatilität des kleineren Silbermarktes.
- Ross Norman, CEO und Chefredakteur von Metals Daily, hält sogar 165 US-Dollar für möglich. Er betont zusätzlich, dass Silber von den USA und China als kritisches Mineral eingestuft wurde – ein Faktor, der Nachfrage und geopolitische Bedeutung weiter erhöhen dürfte.
Gold-Silber-Ratio: Historisch niedriger Stand
Der starke Silberanstieg hat auch das Gold-Silber-Ratio deutlich verschoben. Aktuell liegt es bei etwa 50 – das heißt, für 50 Feinunzen Silber erhält man eine Feinunze Gold.
Zum Vergleich:
- In den vergangenen Jahren lag das Ratio meist zwischen 70 und 95.
- Im Extremjahr 2020 näherte es sich zeitweise der 100.
- Historische Tiefstände lagen bei rund 35 im Jahr 2011.
Das aktuelle Niveau wurde seit rund 14 Jahren nicht mehr erreicht. Auch wenn es noch kein historisches Extrem darstellt, signalisiert es eine klare relative Stärke von Silber gegenüber Gold.


