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Nehmt die nächste Generation der Numismatik ernst !

Ohne ein großzügiges Geschenk und den aufmerksamen Blick eines erfahrenen Numismatikers wäre ich heute kein Münzensammler: Auf einem Flohmarkt schenkte mir ein älterer Herr, an dessen Stand ich stundenlang in Wühlkisten vertieft war, fünf Stapel mit alten Münzzeitschriften, darunter auch „Money Trend“. Der Transport der schweren Papierstapel mit dem Fahrrad war für mich (ich war damals erst sechs Jahre alt) eine Herausforderung, doch der Aufwand hatte sich gelohnt: In den darauffolgenden Wochen war ich in jeder freien Minute damit beschäftigt, die bunten Bilder von Münzen zu bestaunen und mir zu erträumen, was ich eines Tages in meine Münzsammlung aufnehmen wollte.

Für mich ist das Hobby „Münzensammeln“ ohne den Austausch zwischen den Generationen nicht denkbar – und es würde ohne das Aufeinandertreffen von passionierten Sammlern mit Neulingen kaum Freude bereiten. Wie gern denke ich beispielsweise an die Treffen mit Gerd-Volker Weege, dem verstorbenen Verleger und Chefredakteur von „money trend“, zurück – er hätte damals allen Grund gehabt, einen Jungspund wie mich zu ignorieren. Doch er nahm sich Zeit, forderte und förderte mich, gab Möglichkeiten und zeigte Grenzen auf, sprach auch mal „klare Kante“ und hielt stets sein Wort.

Nachdem ich nun bereits seit 16 Jahren als Journalist über Münzen schreibe und mit meinen 33 Jahren wohl noch zur „Nachwuchs-Generation“ gehöre, hat sich in meiner Wahrnehmung jedoch ein Eindruck verfestigt: Die zugewandte Haltung des Seniors auf dem Flohmarkt mir als Dreikäsehoch gegenüber sowie der motivierende Umgang des Money-Trend-Herausgebers mit mir als jungem Kollegen und Münzenfreund ist selten geworden. Wie oft kam es vor, dass man mich aufgrund meines fehlenden einschlägig fachlichen Hintergrundes (ich habe Journalistik studiert, nicht Klassische Archäologie) oder meiner mangelnden Erfahrung (ich bin schließlich „erst“ etwas mehr als ein Jahrzehnt als Fachautor aktiv) abgekanzelt hat? Ich habe aufgehört, zu zählen.

Und dies bedrückt mich. Denn da draußen wächst eine neue Sammler-Generation heran, die ernst genommen werden möchte und die keine Gelegenheit auslässt, mit Gleichgesinnten aller Generationen in Kontakt zu kommen. Allerdings tummeln sich diese Leute nicht zuerst in Münzvereinen, sondern in sozialen Netzwerken. Nur ein Beispiel: Vor ein paar Monaten bot ich doppelte Silbermünzen aus meiner Sammlung über das Internet an: Eine prächtig gestaltete Silber-Unze von den Fidschi-Münzen, geringe Auflage, exzellente Verarbeitung, höchste Prägequalität, bei vielen Händlern schon ausverkauft – wer sich eine solche Münze zulegt, muss Ahnung haben und ein Gespür für seltene Sammlerschätze. Ein Exemplar dieser Münze verkaufte ich über Facebook – und die junge Dame, welche sich die Silbermünze sicherte, ist ein gutes Beispiel dafür, dass Münzensammeln kein aussterbendes Hobby ist.

Sie sah auf den ersten Blick sicher nicht wie die typische Münzensammlerin aus, teilt bei Facebook gelegentlich Fotos von ihren neu gestalteten Fingernägeln oder liebevolle Kommentare rund um ihre beiden Kinder – so wie es die Angehörigen der Internet-Generation eben tun. Und diese junge Frau ist aus meiner Sicht das beste Beispiel dafür, dass der numismatische Nachwuchs das Hobby mit Interesse und Leidenschaft verfolgt. Die Münzensammler von morgen sehen so aus wie du und ich. Ihre Mediennutzungsgewohnheiten wandeln sich, ihre Sammelgebiete mögen nicht den altbekannten Klassikern entsprechen.

Aber wer die nächste Generation der Numismatik nicht ernst nimmt, begeht einen großen Fehler.

Rund um den Verkauf der Silber-Unze entwickelte sich ein kleines Gespräch, an das ich seitdem immer wieder denke. Auf die Frage, warum sie sich ausgerechnet exotische Silber-Unzen zulegt, antwortete die junge Frau: „Ich habe lange überlegt, wie ich am besten meinen Kindern was gutes hinterlassen kann.“ Sie stöberte im Internet und stieß auf Seiten rund um Edelmetalle. Und sie verliebte sich in die kleinen Details. Ein grundsätzliches Interesse war vorhanden, weil sie bereits mit ihrem seit der Kindheit diverse Münzen gesammelt hat. „Deswegen habe ich danach gezielt nach Münzen gesucht und bin erst bei Silber-Münzen gelandet und dann ging es los: Die Geschichten dahinter, viel im Internet gelesen, Bücher gelesen, viel in Facebook-Gruppen herum gefragt und für gut gefunden.“ Und nun gibt die junge Frau das Hobby an ihre Kinder weiter: „Ich bringe denen alles bei, was Münzen angeht, so dass sie später eher Profite statt Verlust machen. Und so dass sie sich an der Gestaltung der Münzen erfreuen.“

Ich bin froh um Begegnungen wie diese, egal ob online oder offline. Denn seit Jahren höre ich immer wieder den gleichen Satz: „Münzensammeln ist tot.“ Das stimmt nicht. Die Kommunikationswege mögen sich verändern, auch die Schwerpunkte wandeln sich – hier müssen die Generationen ein besseres Verständnis füreinander aufbringen: Silber-Bullion-Münzen werden bis heute von viel zu vielen „alten Hasen“ als „neumodischer Kram“ bezeichnet, ebenso das bei der jüngeren Generation beliebte „Grading“ von Münzen durch US-amerikanische Einstufungs-Dienstleister. Tatsächlich sind das Investment in Edelmetalle und die Hoffnung auf Wertzuwachs durch ein „Grading“ prägend für den Nachwuchs wie mich, der in unsicheren familiären, beruflichen und finanziellen Zeiten aufwächst und Sicherheit sowie Wertstabilität sucht. Diese Sehnsucht ist schlussendlich auch ein Türöffner für die Numismatik, denn bei vielen Bullion-Fans folgt früher oder später die erste historische Silbermünze und danach ein Goldstück aus dem Kaiserreich oder gar ein kleiner Schatz aus der Antike. Und so wird aus dem Silberunzen-Fan von heute das Münzvereins-Mitglied von morgen, dankbar für den Austausch mit denjenigen, die 10 oder 30 oder 50 Jahre mehr Erfahrung haben.

Dem älteren Herrn vom Flohmarkt schrieb ich übrigens etwa zwanzig Jahre nach unserem Aufeinandertreffen einen Brief. Zum Glück klebte seine Adresse noch auf den Zeitschriften von damals. Ich legte ihm eine Ausgabe von „Money Trend“ aus dem Jahr 2012 bei, in der mein erster Artikel veröffentlicht wurde. Und ich bedankte mich dafür, dass er den Grundstein für meine Sammelleidenschaft gelegt hatte. Kurz darauf lag ein Umschlag in meinem Briefkasten. Darin: Ein handgeschriebener Brief mit warmen Worten und dem Bedauern, dass „Jung“ und „Alt“ in der Numismatik viel zu selten zusammenkommen. Es entwickelte sich eine Brieffreundschaft, die bis zu seinem Tod Bestand hatte. Ein handgeschriebener Brief – was für ein Schatz in der rasanten Zeit des Web 2.0. Ich vermisse diese Briefe – ebenso wie die viel zu seltenen wertschätzenden und vertrauensvollen Begegnungen mit renommierten und erfahrenen Händlern, Wissenschaftlern oder Verlegern vom Schlag eines Gerd-Volker Weege. Die Numismatik hat nur eine Zukunft, wenn „Jung“ und „Alt“ erkennen, dass sie eine gemeinsame Leidenschaft verbindet – die Leidenschaft für runde Prägeerzeugnisse.

Weitere Texte von
Sebastian Wieschowski
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