COINOSSEURSammeln. Anlegen. Genießen.
Als Europa auf Sendung ging: 100 Jahre Radio auf Münzen

Als Europa auf Sendung ging: 100 Jahre Radio auf Münzen

Wer die europäischen Münzprogramme des Jahres 2026 nebeneinanderlegt, stößt auf eine bemerkenswerte Häufung. Finnland widmet dem hundertjährigen Bestehen seiner öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft Yle eine 2-Euro-Gedenkmünze. Kroatien bringt ebenfalls ein 2-Euro-Stück heraus und erinnert damit an die erste Sendung von Radio Zagreb vor 100 Jahren. Und Litauen beteiligt sich mit einer 10-Euro-Silbermünze, die den Beginn des litauischen Rundfunks im Jahr 1926 würdigt. Drei Länder, drei Münzen, dreimal Radio – und immer wieder dieselbe Jahreszahl. Das ist kein Zufall. Die Mitte der 1920er Jahre war jene Phase, in der aus einer faszinierenden technischen Neuerung in weiten Teilen Europas ein neues Massenmedium wurde.

Die technischen Voraussetzungen dafür waren schon wesentlich früher geschaffen worden. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hatten Forscher und Erfinder mit der drahtlosen Übermittlung von Signalen experimentiert. Zunächst stand allerdings nicht das gesprochene Wort im Mittelpunkt, sondern die Funktelegrafie. Militär, Schifffahrt und staatliche Stellen nutzten die neue Technik zur Nachrichtenübermittlung. Der Erste Weltkrieg beschleunigte ihre Weiterentwicklung zusätzlich. Nach Kriegsende begann dann die eigentliche Ära des „Broadcasting“: Nicht mehr ein bestimmter Empfänger sollte eine Nachricht erhalten, sondern ein Sender verbreitete Sprache und Musik an alle, die über das passende Empfangsgerät verfügten. Radio wurde vom Kommunikationsmittel zum Medium.

Eine neue Stimme für Millionen

Zu den europäischen Vorreitern gehörte Großbritannien. Am 18. Oktober 1922 wurde die British Broadcasting Company gegründet, am 14. November begannen die täglichen Übertragungen der Londoner Station 2LO. Aus dem Unternehmen ging 1927 die British Broadcasting Corporation hervor. Schon in dieser Frühphase bildete sich ein Verständnis des Rundfunks heraus, das weit über Unterhaltung hinausging. John Reith, der erste Generaldirektor der BBC, verband mit dem neuen Medium den Auftrag zu informieren, zu bilden und zu unterhalten. Dieses Prinzip sollte später zahlreiche öffentlich-rechtliche Rundfunksysteme in Europa prägen.

Andere Länder folgten in rascher Folge. In Deutschland gilt der 29. Oktober 1923 als Geburtsstunde des regulären Rundfunks, als die Berliner Funk-Stunde ihren Betrieb aufnahm. Österreich folgte am 1. Oktober 1924 mit der RAVAG. „Hallo, hallo! Hier Radio Wien auf Welle 530“ lautete die Ansage zum offiziellen Beginn. Wie rasant sich das neue Medium verbreitete, zeigen die österreichischen Zahlen besonders eindrucksvoll: Innerhalb von nur vier Monaten stieg die Zahl der angemeldeten Teilnehmer von rund 11.000 auf mehr als 100.000. Radio war innerhalb kürzester Zeit von einer technischen Kuriosität zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden.

Auch in anderen Teilen Europas entstanden nun Rundfunkorganisationen und regelmäßige Programme. Die Entwicklung verlief allerdings keineswegs überall nach demselben Muster. Teilweise gingen private Initiativen voraus, teilweise übernahmen staatliche oder staatlich kontrollierte Gesellschaften den Aufbau. In Polen begann Polskie Radio im November 1925 mit regelmäßigen Programmen; im April 1926 nahm die Warschauer Station ihren Betrieb auf. Finnland wiederum kannte öffentliche Radiosendungen bereits seit 1923. Der 7. März 1925 gilt dort als Beginn des regelmäßigen Rundfunks. Gerade dieses Beispiel zeigt, wie vorsichtig der Begriff „100 Jahre Radio“ verwendet werden muss: Nicht jedes Jubiläum des Jahres 2026 bezeichnet tatsächlich die allererste Radiosendung eines Landes.

Warum ausgerechnet 1926?

Dass sich die hundertsten Geburtstage dennoch gerade 2026 häufen, hat einen historischen Grund. Um die Mitte der 1920er Jahre hatte der Rundfunk in Europa eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Aus lokalen Experimenten und einzelnen Sendern entstanden dauerhafte Organisationen mit festen Programmen. Gleichzeitig wurden leistungsfähigere Sender errichtet und immer mehr Empfangsgeräte verkauft. Wie schnell das europäische Funknetz wuchs, zeigte sich auch an einem ganz praktischen Problem: Radiowellen hielten sich nicht an Staatsgrenzen. Die Frequenzen mussten international koordiniert werden, damit sich die immer zahlreicheren Stationen nicht gegenseitig störten.

Bereits 1925 entstand deshalb in Genf die International Broadcasting Union, kurz IBU, eine Vorläuferorganisation der heutigen European Broadcasting Union. Sie kümmerte sich unter anderem darum, den Mitgliedern geeignete Frequenzen zu sichern und die technische Zusammenarbeit zwischen den Rundfunkanstalten zu organisieren. Hinter dieser Kooperation stand zugleich eine größere Idee: Rundfunk sollte den Austausch zwischen den Nationen fördern. Dass bereits wenige Jahre nach den ersten regelmäßigen Sendungen eine internationale Organisation notwendig geworden war, zeigt, mit welcher Geschwindigkeit sich das Radio in Europa ausbreitete.

Dabei war Radio weit mehr als eine weitere technische Erfindung. Besonders in den Staaten, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden waren oder ihre Unabhängigkeit wiedererlangt hatten, bekam der Rundfunk eine politische und kulturelle Bedeutung. Zum ersten Mal ließ sich eine Bevölkerung nahezu gleichzeitig mit denselben Nachrichten, Reden, Konzerten und Bildungsangeboten erreichen. Sprache und Kultur konnten über regionale Grenzen hinweg vermittelt werden. Ein nationales Rundfunkprogramm wurde damit zu einem Baustein einer gemeinsamen Öffentlichkeit – und in gewisser Weise auch zu einem Symbol moderner Staatlichkeit.

Finnland: 100 Jahre Yleisradio

In Finnland führte diese Entwicklung 1926 zur Gründung von Yleisradio. Die konstituierende Versammlung der O.Y. Suomen Yleisradio – A.B. Finlands Rundradio fand am 29. Mai in Helsinki statt. Am 9. September strahlte die neue Gesellschaft ihr erstes Programm aus. Schon einen Tag später wurde ein Gottesdienst übertragen, am 14. September folgte mit August Strindbergs „Paria“ das erste Hörspiel. Musik spielte ebenfalls von Beginn an eine zentrale Rolle. 1927 gründete Yleisradio ein eigenes Radio-Orchester.

Die Geschichte des finnischen Rundfunks hatte allerdings schon vorher begonnen. Bereits 1923 wurden in Helsinki und Tampere Sendungen für die Öffentlichkeit ausgestrahlt. Ab dem 7. März 1925 verbreitete die finnische Radiovereinigung regelmäßig Programme über einen Sender des Radiobataillons. Yle selbst bezeichnet dieses Datum als Beginn des regelmäßigen Rundfunks in Finnland. Die Gedenkmünze von 2026 feiert daher präzise betrachtet nicht „100 Jahre Radio in Finnland“, sondern den hundertsten Geburtstag von Yleisradio. Die Gesellschaft entwickelte sich allerdings rasch zum zentralen Rundfunkanbieter des Landes: Bereits 1928 waren ihre Sendungen landesweit zu empfangen, Anfang der 1930er Jahre hörten rund 100.000 Haushalte die Programme.

Finnland würdigt dieses Jubiläum besonders prominent auf einer 2-Euro-Gedenkmünze. Gestaltet wurde sie von Petri Neuvonen. Sein Entwurf verzichtet auf das naheliegende Motiv eines historischen Radiogeräts oder Mikrofons. Stattdessen bilden kreisförmige Elemente den Schriftzug „yle“. Dahinter steckt eine erstaunlich aktuelle Idee. Der ursprüngliche Wettbewerbsentwurf trug den Titel „Breaking Bubbles“. Die Kreise stehen für Informationsblasen, zwischen denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk Verbindungen schaffen soll. Die Jury sah darin zugleich einen Bezug zum ursprünglichen Gedanken des Rundfunks, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenzubringen. Die historische Institution wird auf der Münze also nicht nostalgisch dargestellt, sondern mit einer Frage des digitalen Medienzeitalters verbunden

Die finnische 2-Euro-Münze wurde am 21. Mai 2026 offiziell vorgestellt. Neben Münzen für den Umlauf erschienen Sammlerausgaben in Coincards sowie 5.000 Exemplare in Proof-Qualität. Die Gesamtauflage beträgt 204.000 Stück. Parallel dazu würdigt Finnland Yle mit einer 100-Euro-Goldmünze, ebenfalls nach einem Entwurf von Petri Neuvonen. Damit gehört das Rundfunkjubiläum zu den herausgehobenen Themen des finnischen Münzprogramms 2026.

Kroatien: „Hallo, hallo, hier ist Radio Zagreb“

Einige Monate vor Yles erster Sendung hatte eine Stimme in Zagreb kroatische Rundfunkgeschichte geschrieben. Am 15. Mai 1926 um 20.30 Uhr nahm Radio Zagreb auf Mittelwelle 350 Meter seinen Betrieb auf. Die Schauspielerin und Schriftstellerin Božena Begović eröffnete die Übertragung mit der Ansage „Halo, halo, ovdje Radio Zagreb“ – „Hallo, hallo, hier ist Radio Zagreb“. Es folgten eine Ansprache, ein offizielles Bulletin und Musik unter anderem von Beethoven, Haydn, Chopin, Rameau und Saint-Saëns. Den Abschluss bildeten Nachrichten. Bereits im Herbst begann Radio Zagreb mit Außenübertragungen, wenig später wurden Opernaufführungen aus dem Kroatischen Nationaltheater übertragen.

Aus Radio Zagreb entwickelte sich über zahlreiche organisatorische und politische Umbrüche hinweg der heutige öffentlich-rechtliche Sender Hrvatska radiotelevizija, kurz HRT. Das Jubiläumsjahr 2026 verbindet dabei zwei runde Geburtstage: 100 Jahre kroatisches Radio und 70 Jahre kroatisches Fernsehen. Der Rundfunk selbst steht jedoch am Anfang dieser Geschichte – und genau dieser Ursprung wird auch auf der kroatischen 2-Euro-Gedenkmünze sichtbar.

Der akademische Bildhauer Karlo Gross entschied sich ebenfalls gegen ein historisches Radiogerät. Über das Münzinnere ziehen sich fünf stilisierte Wellenlinien. Sie symbolisieren die Ausbreitung von Informationen und Kultur über die Radiowellen. Zugleich nimmt die grafische Struktur Bezug auf Kroatien. Zwischen die Linien sind die Jahreszahl 2026, die Landesbezeichnung „HR“ und der Hinweis auf „100 GODINA HRVATSKE RADIOTELEVIZIJE“ integriert. Die Gesamtauflage beträgt 200.000 Exemplare. Davon sind 190.000 Stück für den Umlauf vorgesehen, jeweils 5.000 weitere erscheinen als BU- und Proof-Ausgaben.

Litauen: Die ersten Worte werden zum Münzmotiv

Nur wenige Wochen nach Radio Zagreb ging auch Litauen auf Sendung. Am 12. Juni 1926 begann in Kaunas der regelmäßige Rundfunk. Die ersten Worte sind bis heute überliefert: „Alio, alio – Lietuvos radijas – Kaunas“ – „Hallo, hallo – Litauisches Radio – Kaunas“. Die Dimensionen waren zunächst überschaubar. Im gesamten Land waren damals lediglich 323 Radioempfänger registriert. Dennoch entwickelte sich aus diesen bescheidenen Anfängen ein Medium von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Bereits die frühen Reaktionen zeigen, welche Faszination die neue Technik auslöste: Hörer schickten Grußkarten an das Studio – gleichzeitig kursierten Gerüchte, Radiowellen könnten Unwetter oder andere Veränderungen des Wetters verursachen.

Litauen greift den hundertsten Geburtstag nicht mit einer 2-Euro-Gedenkmünze, sondern mit einer klassischen Sammlermünze auf. Die am 19. Juni 2026 ausgegebene 10-Euro-Münze besteht aus 925er Silber, wiegt 23,3 Gramm und misst 34 Millimeter. Sie wurde in Proof-Qualität von der Litauischen Münzstätte geprägt und besitzt eine ausgesprochen kleine Auflage von nur 1.500 Exemplaren. Gestaltet wurde sie von Tomas Dragūnas und Eglė Žemaitė.

Auch gestalterisch geht Litauen einen anderen Weg als Finnland und Kroatien. Im Mittelpunkt steht nicht allein ein abstraktes Symbol für Funkwellen, sondern die Sprache selbst. Die Komposition erinnert an die ersten über den Äther verbreiteten Worte und die Aufforderung an diejenigen, die das Signal empfangen konnten, sich zu melden. Die vertikal angeordnete Inschrift „100 Jahre Litauischer Rundfunk“ erhebt sich dabei wie ein Sendemast. Die Münze übersetzt damit jenen historischen Moment in Metall, in dem erstmals eine Stimme aus Kaunas gleichzeitig viele unbekannte Zuhörer erreichen konnte.

Vom technischen Wunder zum politischen Instrument

Die drei Münzen erzählen allerdings nur vom optimistischen Anfang einer komplizierten Geschichte. Denn kaum hatte sich das Radio als Massenmedium etabliert, wurde auch seine politische Macht sichtbar. Wer den Sender kontrollierte, konnte Millionen Menschen gleichzeitig erreichen. Nachrichten ließen sich verbreiten, politische Botschaften inszenieren und gesellschaftliche Stimmungen beeinflussen. Spätestens in den 1930er Jahren wurde das Radio in den europäischen Diktaturen systematisch als Propagandainstrument eingesetzt. In Österreich etwa war die RAVAG zunächst ausdrücklich als Kultur-, Informations- und Bildungsmedium gedacht, wurde später jedoch zunehmend politisch instrumentalisiert; nach dem „Anschluss“ 1938 ging der Programmbetrieb in die nationalsozialistische Rundfunkstruktur über.

Gleichzeitig erwies sich der Rundfunk als erstaunlich wandlungsfähig. Auf die Mittel- und Langwelle folgten UKW, Transistorradio und Autoradio, später Satellit, Digitalradio, Internetstream und Podcast. Aus den nationalen Radiogesellschaften der 1920er Jahre wurden multimediale Unternehmen, die längst nicht mehr nur Hörfunk produzieren. Gerade deshalb wirken die Jubiläumsmünzen des Jahres 2026 auf den ersten Blick beinahe paradox: Sie verewigen eine flüchtige Technologie – unsichtbare elektromagnetische Wellen und vergängliche Stimmen – in einem der dauerhaftesten Medien überhaupt, einer Münze aus Metall.

Und doch verbindet beide Welten mehr, als zunächst erkennbar ist. Münzen und Rundfunk waren im Europa der Zwischenkriegszeit Instrumente nationaler Öffentlichkeit. Die einen trugen Staatsnamen, Wappen und Symbole von Hand zu Hand, der andere brachte Sprache, Musik und Nachrichten über unsichtbare Wellen bis in die Wohnzimmer. Finnland, Kroatien und Litauen erinnern 2026 deshalb nicht lediglich an drei hundertjährige Rundfunkgeschichten. Ihre Münzen führen zurück in eine kurze Phase der europäischen Geschichte, in der eine technische Erfindung binnen weniger Jahre den Alltag veränderte. Denn Mitte der 1920er Jahre bekam Europa eine neue Stimme.

Fotos: Croatian Mint / Helsinki Mint / Bank of Lithuania

COINOSSEUR

Jahr

2017

Seiten

270

Format

DIN A5 (14,8 x 21,0 cm), Hochweriger Graustufen-Druck, Premium-Glanzpapier

Preis

24,90 Euro