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Wie die goldene Abschiedsmark zur „Sehnsuchtsmünze der Deutschen“ wurde – und eine neue Ära einläutete

Wie die goldene Abschiedsmark zur „Sehnsuchtsmünze der Deutschen“ wurde – und eine neue Ära einläutete

Vor 25 Jahren spielte sich vor deutschen Bankfilialen eine Szene ab, die heute fast unwirklich erscheint: Menschen standen frühmorgens Schlange, um eine Münze mit dem Nennwert von einer Deutschen Mark für rund 250 D-Mark zu kaufen. Am 26. Juli 2001 kam die goldene 1-DM-Münze an die Schalter – und binnen weniger Stunden war sie vielerorts vergriffen. Fernsehen, Tageszeitungen und Boulevardblätter berichteten über Warteschlangen und steigende Preise. Die „Bild“-Zeitung hatte bereits am Vortag einen „Gold-Mark-Alarm!“ ausgerufen. Das Deutsche Münzen Magazin setzte wenige Wochen später ein unübersehbares „AUSVERKAUFT!“ auf sein Titelbild und ergänzte: „Jetzt explodieren die Preise“. Was wie ein perfekt geplantes Marketingereignis wirkte, hatte jedoch vergleichsweise nüchtern begonnen: Mit einem Gesetzentwurf, Goldreserven der Bundesbank und der Frage, wie sich Deutschland angemessen von seiner alten Währung verabschieden sollte.

Im Frühjahr 2000 war die Goldmark noch Zukunftsmusik. Die Bundesregierung hatte damals einen Gesetzentwurf vorgelegt, der den rechtlichen Rahmen für eine solche Ausgabe im Jahr 2001 schaffen sollte. Die Deutsche Bundesbank wollte eine Goldmünze herausgeben, deren Abmessungen sich am vertrauten Einmarkstück orientierten. Das war keineswegs eine gewöhnliche Gedenkmünze: Für die Ausgabe musste eigens eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden. Der damalige Entwurf trug noch den Titel „Entwurf eines Gesetzes über die Ausprägung einer 1-DM-Goldmünze und die Errichtung der Stiftung ‚Stabiles Geld‘“. Später erhielt die Stiftung den Namen „Geld und Währung“. Schon diese Konstruktion machte deutlich, dass hinter der Münze mehr steckte als die Idee, ein bekanntes Motiv einfach in Gold zu prägen.

Der politische Hintergrund war bemerkenswert: Die Bundesbank sollte für die Münzen einen kleinen Teil ihrer Goldreserven einsetzen. Zwar wären für eine Million Exemplare nur etwa 0,4 Prozent der deutschen Goldreserven erforderlich – ungefähr zwölf Tonnen Gold. Entscheidend war jedoch die Bewertung dieses Goldes: In den Büchern der Bundesbank standen die Reserven zu historischen Anschaffungskosten, die erheblich unter ihrem damaligen Marktwert lagen. Durch die Verarbeitung und den Verkauf der Münzen ließ sich deshalb ein erheblicher Gewinn realisieren. In frühen Berechnungen war von etwa 130 bis 150 Millionen DM die Rede. Ein großer Teil sollte als Kapital der neuen Stiftung dienen, die wirtschaftswissenschaftliche und juristische Forschung zu Fragen des Geld- und Währungswesens unterstützen sollte. Ein Erinnerungsstück an die D-Mark wurde damit zugleich zu einem finanzpolitischen Projekt.

Gestalterisch setzte man gerade nicht auf ein neues Motiv. Die Goldmark sollte möglichst genau so aussehen, wie Millionen Deutsche die Einmarkmünze seit Jahrzehnten kannten: auf der einen Seite die große „1“ zwischen Eichenzweigen und die Worte „DEUTSCHE MARK“, auf der anderen der Bundesadler. Gerade diese Wiedererkennbarkeit war Teil des Konzepts. Zwei Merkmale sollten die Goldmünze unmissverständlich von der gewöhnlichen Umlaufmünze unterscheiden. Zum einen bestand sie aus Feingold 999,9 und wog zwölf Gramm – mehr als doppelt so viel wie das normale Markstück mit seinen 5,5 Gramm. Zum anderen lautete die Umschrift um den Adler nicht „BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND“, sondern „DEUTSCHE BUNDESBANK“. Die Formulierung knüpfte an die unmittelbare Nachkriegszeit an, als Münzen noch die Umschrift „Bank deutscher Länder“ getragen hatten. Das vertraute Markstück wurde so fast unverändert zum offiziellen Abschiedssymbol einer ganzen Währungsepoche.

Früh stand auch die Auflage fest: eine Million Exemplare. Alle fünf deutschen Münzstätten sollten beteiligt werden und jeweils 200.000 Stück mit ihren Münzzeichen A, D, F, G und J prägen. Für Sammler entstand damit sofort eine zusätzliche Herausforderung. Wer nicht nur eine Goldmark besitzen, sondern einen kompletten Satz aller fünf Prägestätten zusammenstellen wollte, musste fünf verschiedene Stücke bekommen. Geprägt wurde in Stempelglanz, die Randschrift entfiel zugunsten von sechs vertieften Arabeskengruppen. Der Durchmesser betrug 23,5 Millimeter, die Dicke 1,75 Millimeter. Schon 2000 war absehbar, dass die Millionengrenze zum entscheidenden Punkt der späteren Geschichte werden würde. Das Deutsche Münzen Magazin schrieb früh von einer „Reduzierung der ursprünglichen Auflage auf ein Fünftel“ und warnte: Bei einer solchen Verknappung zwischen Angebot und Nachfrage seien Engpässe unvermeidlich.

Noch vor der Sommerpause 2000 nahm das Vorhaben seine entscheidende parlamentarische Hürde. Das Bundesministerium der Finanzen erklärte, die Münze biete die Möglichkeit, „ein einmaliges, dauerhaftes Erinnerungsstück an die Deutsche Mark zu erwerben“. Der Verkaufspreis sollte nur knapp über dem jeweiligen Goldwert liegen. In den damaligen Berechnungen bewegte sich der reine Materialwert ungefähr zwischen 210 und 230 DM, der spätere Ausgabepreis wurde deshalb in einer Größenordnung von rund 230 bis 250 DM erwartet. Dass eine Münze mit dem aufgeprägten Nennwert „1 DM“ ein Vielfaches davon kosten würde, war kein Widerspruch: Entscheidend war der Metallgehalt von zwölf Gramm Feingold. Die Goldmark war zwar gesetzliches Zahlungsmittel, aber niemand sollte ernsthaft auf die Idee kommen, sie zum Nennwert auszugeben.

Ende Dezember 2000 wurde das Gesetz schließlich im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Nun war aus dem Plan eine amtlich beschlossene Münze geworden. Bereits etwa zwei Wochen später kam es in der Staatlichen Münze Berlin zur Erstprägung. Bundesbankpräsident Ernst Welteke drückte persönlich den Startknopf, begleitet von Fotografen, Kamerateams und Vertretern aus Politik und Münzwesen. Die Tagespresse zitierte Welteke damals mit einer Aussage, die in den folgenden Monaten immer wieder aufgegriffen wurde: „Diese Münze wird eine Wertsteigerung erfahren.“ Welteke wollte ausdrücklich kein bloßes Stück für die Schublade schaffen. Er sprach von einer „guten Wertanlage“. Schon die Erstprägung zeigte damit, wie stark sich bei der Goldmark Erinnerung, Edelmetall und die Erwartung künftiger Wertsteigerungen miteinander vermischten.

Doch Welteke hatte zugleich ein Problem geschaffen, das sich nicht mehr lösen ließ: Die Nachfrage war inzwischen wesentlich größer als die Auflage. Laut damaligen Zeitungsberichten standen einer Million Münzen zeitweise mehrere Millionen Interessenten gegenüber. Welteke verwies darauf, dass die deutschen Münzstätten bereits durch die Produktion der neuen Euro-Münzen stark ausgelastet seien. Eine höhere Goldmark-Auflage ließ sich deshalb nicht einfach zusätzlich einschieben. Die gesetzlich festgelegten eine Million Exemplare blieben bestehen. Gerade diese Begrenzung befeuerte die Erwartungen weiter. Schon bevor die Münze überhaupt ausgegeben worden war, stapelten sich bei Banken, Sparkassen und Münzhändlern Reservierungswünsche. Die Frage lautete nun nicht mehr, ob sich genügend Käufer finden würden, sondern wer überhaupt eine Goldmark bekommen konnte.

Im Frühjahr 2001 erreichte die Debatte den Boulevard. Am 19. Mai titelte die „Bild“-Zeitung „Ansturm auf die goldene D-Mark“ und forderte eine höhere Auflage. Die Forderung blieb nicht ohne politische Reaktion. Auch aus der CDU kam der Ruf nach zusätzlichen Goldmark-Münzen, zeitweise war von mehreren Millionen Exemplaren die Rede. Doch Bundesfinanzministerium und Bundesbank hielten am Gesetz fest. Das Deutsche Münzen Magazin dokumentierte die Kontroverse ausführlich und zitierte aus Berlin die klare Botschaft: „Das Gesetz wird nicht geändert.“ Aus heutiger Sicht zeigt sich hier ein entscheidender Moment des Hypes. Die Meldung, dass die Nachfrage die verfügbare Menge womöglich um ein Mehrfaches übertraf, wirkte nicht beruhigend, sondern verstärkte die Begehrlichkeit. Die Goldmark war noch nicht am Markt, aber ihre vermeintliche Knappheit war längst eine öffentliche Geschichte.

Je näher der Ausgabetag rückte, desto länger wurden die Reservierungslisten. Münzhändler mussten ihren Kunden erklären, dass selbst eine frühzeitige Bestellung keine Garantie darstellte. Banken und Sparkassen konnten ebenfalls nur mit begrenzten Kontingenten rechnen. Münzzeitschriften berichteten von Händlern, die langjährige Stammkunden bevorzugten und dennoch keine verbindlichen Zusagen machen wollten. Gleichzeitig wurde über die Preisentwicklung spekuliert. Die Goldmark sollte am 26. Juli 2001 zu einem Preis ausgegeben werden, der sich am Goldmarkt unmittelbar vor dem Termin orientierte. Rund 250 DM galten als realistische Größenordnung. Doch in den Wochen zuvor tauchte zunehmend die Frage auf, wie lange dieser Ausgabepreis Bestand haben würde. Wer leer ausging, musste auf den freien Markt ausweichen. Und dort galt nicht mehr die Kalkulation der Bundesbank, sondern das Gesetz von Angebot und Nachfrage.

Am Tag vor der Ausgabe war die Goldmark endgültig kein reines Sammlerthema mehr. „Alle wollen die Goldmark“, lautete eine der Schlagzeilen. Die „Bild“-Zeitung warnte mit ihrem „Gold-Mark-Alarm!“ davor, dass nur ein kleiner Teil der Interessenten tatsächlich zum Zuge kommen werde. Auch andere Zeitungen kündigten den Verkaufsstart groß an. Am Morgen des 26. Juli berichtete das ZDF-Morgenmagazin über das Ereignis, regionale Fernsehsender schickten Teams zu Banken und Landeszentralbanken. Das Deutsche Münzen Magazin hielt später fest, einen vergleichbaren Medienrummel um eine Münze habe es in Deutschland bis dahin nicht gegeben. Was als numismatisches Erinnerungsstück geplant worden war, war nun ein bundesweites Medienereignis, wenige Monate vor dem endgültigen Verschwinden von Mark und Pfennig aus dem täglichen Zahlungsverkehr.

Die Bilder vom Ausgabetag bestätigten alle Erwartungen. In Stuttgart erschienen die ersten Interessenten bereits gegen 5.30 Uhr vor der Landeszentralbank. Als die Schalter öffneten, hatte sich eine lange Schlange gebildet. Auch in Frankfurt, Hamburg und Berlin warteten Menschen auf die wenigen Stücke, die dort noch direkt abgegeben wurden. In Hamburg soll die Reihe der Wartenden zeitweise 60 bis 80 Meter lang gewesen sein. Manche Verkaufsstellen waren bereits nach kurzer Zeit ausverkauft. In Frankfurt seien die verfügbaren Münzen knapp eine Stunde nach Öffnung der Kassen restlos vergriffen gewesen. Wer gehofft hatte, sich einfach mehrfach anzustellen, hatte ebenfalls schlechte Karten. Die Abgabemengen waren begrenzt, und an vielen Orten war der Vorrat ohnehin zu klein, um die Nachfrage auch nur annähernd zu bedienen.

Fast gleichzeitig entstand ein zweiter Markt. Noch während an den Schaltern Goldmark-Münzen verkauft wurden, kursierten bereits deutlich höhere Preise. Laut einer Meldung der „Bild“-Zeitung habe der „Schwarzmarktpreis“ schon am ersten Verkaufstag bei 360 DM gelegen. In Zeitungsberichten tauchten kurz darauf Beträge von 400 DM und mehr auf. Die paradoxe Situation war perfekt: Eine Münze mit dem Nennwert einer einzigen Mark hatte beim offiziellen Verkauf ungefähr 250 Mark gekostet und wurde wenige Stunden später mit Aufschlägen weitergereicht. Händler versuchten, fehlende Stücke für Kunden zu beschaffen, komplette Sätze mit den fünf Prägebuchstaben wurden zum begehrten Ziel. Gerade die Verteilung auf A, D, F, G und J sorgte dafür, dass selbst jemand, der eine Goldmark bekommen hatte, noch längst nicht „komplett“ war.

Die Medien fanden dafür immer neue Formulierungen. „Binnen wenigen Stunden war die Goldmark weg“, meldeten Zeitungen. Andere fragten: „Goldenes Souvenir oder rentable Anlage?“ Bundesbankpräsident Welteke überreichte Bundespräsident Johannes Rau eine der ersten Münzen. Aus einem zwölf Gramm schweren Goldstück wurde für einige Wochen ein nationales Gesprächsthema. Selbst der übrige deutsche Münzmarkt profitierte nach Einschätzung der Fachpresse von der Aufmerksamkeit. Menschen, die vorher kaum etwas mit Numismatik zu tun gehabt hatten, interessierten sich plötzlich für Kursmünzensätze und deutsche Silbergedenkmünzen. Die Abschiedsmünze der D-Mark wirkte zumindest vorübergehend wie Werbung für das gesamte Sammelgebiet.

Und der Hype endete nicht mit dem Ausverkauf. In der Ausgabe 6/2001 stellte das Deutsche Münzen Magazin wenige Wochen später fest: „Goldmark: Nachfrage ungebrochen“. Mancherorts werde die „Sehnsuchtsmünze der Deutschen“, wie das Blatt die Formulierung der „Bild“-Zeitung aufgriff, bereits für mehr als 700 DM verkauft. Ein Marktkenner schätzte damals, dass vielleicht nur rund 2.000 Exemplare überhaupt frei gehandelt würden – eine zeitgenössische Einschätzung, die vor allem zeigen sollte, wie fest große Teile der Auflage bereits in Sammlerhänden lagen. Für das Weihnachtsgeschäft wurden sogar Preise in Richtung 1.000 DM diskutiert.

Ob solche Prognosen realistisch waren, ist heutzutage nebensächlich, denn 25 Jahre später wird die goldene Abschiedsmark zu ganz anderen Preisen gehandelt: Im August 2026 lag allein der Materialwert bei 1.500 Euro. Der Symbolwert dieser Münze ist dagegen unschätzbar. Denn ihr Erfolg hatte gezeigt, dass es in Deutschland einen großen Markt für staatliche Sammlermünzen aus Gold gab. Schon 2002 folgte der nächste Schritt. Zum Übergang zur Währungsunion und zur Einführung des Euro gab die Bundesrepublik eine 100-Euro-Goldmünze mit einer Auflage von 500.000 Exemplaren und zusätzlich eine 200-Euro-Goldmünze mit nur 100.000 Exemplaren heraus. Wie bei der Goldmark bestanden beide aus Feingold 999,9 und wurden von allen fünf deutschen Münzstätten geprägt.

Aus dem zunächst einmaligen Abschiedsstück entwickelte sich damit innerhalb kürzester Zeit ein dauerhaftes deutsches Goldmünzenprogramm. Ab 2003 erschien jährlich eine 100-Euro-Goldmünze der Serie „UNESCO-Welterbestätten in Deutschland“, die bis 2019 auf 16 Ausgaben anwuchs; später kamen weitere Nominale und Serien hinzu. 2026 gehören Goldmünzen zu 20, 50 und 100 Euro ganz selbstverständlich zum Jahresprogramm des Bundes. Die Goldmark von 2001 markiert damit nicht nur das Ende der alten Währung. Rückblickend steht sie zugleich am Beginn einer neuen Epoche deutscher Sammlermünzen.

COINOSSEUR

Jahr

2017

Seiten

270

Format

DIN A5 (14,8 x 21,0 cm), Hochweriger Graustufen-Druck, Premium-Glanzpapier

Preis

24,90 Euro