Ein traditionelles Arbeitsboot kann ein erstaunlich langes Leben haben. Manche Neretva-Lađas wurden über viele Jahrzehnte genutzt, und noch lange nachdem Straßen, Lastwagen und Traktoren sie als alltägliches Transportmittel verdrängt hatten, waren einzelne historische Exemplare auf dem Wasser unterwegs. Aus einem beinahe verschwundenen Arbeitsgerät entwickelte sich schließlich ein Symbol regionaler Identität – und heute ist die Lađa sogar das Motiv einer neuen kroatischen Sammlermünze.
Die Kroatische Nationalbank und die Croatian Mint greifen diese Geschichte nun für eine neue Ausgabe der Serie „Croatian Ships“ auf. Der kroatische Künstler Petar Varga stellt dabei nicht einfach ein historisches Wasserfahrzeug dar. Vorder- und Rückseite erzählen vielmehr zwei Kapitel derselben Geschichte: von einem Boot, das einst Menschen, Tiere und landwirtschaftliche Erzeugnisse durch das Neretva-Tal transportierte – und von einem Kulturgut, das heute bei einem der bekanntesten Bootsrennen Kroatiens weiterlebt.
Die Lebensader einer Landschaft
Wer verstehen will, warum ein einfaches Holzboot eine solche Bedeutung erlangen konnte, muss die Landschaft betrachten, für die es gebaut wurde. Der Unterlauf der Neretva bildet eine außergewöhnliche Landschaft aus Flussarmen, Kanälen, Feuchtgebieten und fruchtbaren Böden. Heute ist das Tal insbesondere für seine Landwirtschaft und seine Mandarinenplantagen bekannt. Über Jahrhunderte waren viele Orte und Felder auf dem Landweg jedoch nur schwer erreichbar.
Die Neretva-Lađa wurde deshalb zum universellen Transportmittel der Region. Sie beförderte Menschen, Waren, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Vieh und verband Siedlungen mit Feldern und Märkten. Was andernorts Pferdewagen und später Lastwagen erledigten, übernahm im Neretva-Tal die Lađa. Das Boot war kein folkloristisches Accessoire, sondern Teil der elementaren Infrastruktur des täglichen Lebens.
Eine traditionelle Lađa konnte ungefähr acht Meter lang und mehrere Tonnen schwer beladbar sein. Ihr relativ flacher Bootskörper war perfekt an geringe Wassertiefen und die zahlreichen Seitenarme des Deltas angepasst. Daneben existierte mit der kleineren Trupa ein Boot für einzelne Personen, kleinere Transporte und den Fischfang. Vereinfacht könnte man sagen: Die Trupa war das Individualverkehrsmittel des Neretva-Tals, die Lađa dessen Lastwagen.
Als Frauen die Boote flussaufwärts zogen
Das Leben mit der Lađa war harte Arbeit. Besonders schwierig wurde es, wenn ein schwer beladenes Boot gegen die Strömung bewegt werden musste. Dafür entwickelte sich eine als „lancanje“ bezeichnete Methode: Die Lađa wurde mit einem langen Seil vom Ufer aus flussaufwärts gezogen.
Bemerkenswert ist, dass diese körperlich anstrengende Arbeit häufig von Frauen übernommen wurde. Sie gingen am Ufer entlang und zogen das Boot am Seil, während es mit seiner Ladung auf dem Fluss folgte. Das Detail vermittelt eine Vorstellung davon, wie eng das Leben der Bewohner mit dem Fluss verbunden war. Die Lađa war nicht einfach ein Verkehrsmittel, sondern Teil einer Lebensweise, die den Alltag ganzer Familien bestimmte.
Die Wiederentdeckung einer alten Bootstradition
Mitte der 1970er-Jahre begann eine Gruppe junger Männer aus Vid mit längeren Fahrten auf der Neretva und der Adria. 1979 erwarben sie eine bereits damals historische, 1895 gebaute Lađa und nutzten sie für ihre Unternehmungen. Das alte Arbeitsboot erhielt damit eine neue Funktion: Was ursprünglich für Transporte durch eine von Landwirtschaft und Feuchtgebieten geprägte Landschaft gebaut worden war, wurde zum Träger regionaler Erinnerung.
Zu dieser Zeit hatte die Lađa ihre ursprüngliche Bedeutung weitgehend verloren. Straßenbau, Traktoren, Lastwagen und andere motorisierte Verkehrsmittel hatten das Neretva-Tal verändert. Viele alte Boote lagen ungenutzt in Seitenarmen und Kanälen und verfielen. Aus einem unverzichtbaren Verkehrsmittel war innerhalb weniger Jahrzehnte ein Relikt geworden. Doch ausgerechnet die Generation, die die Lađa nicht mehr für den täglichen Transport benötigte, begann ihren kulturellen Wert neu zu entdecken.
Aus dem Arbeitsboot wird ein Rennboot
Aus den Traditionsfahrten entwickelte sich schließlich die Idee eines Wettbewerbs mit den alten Booten. Am 13. September 1998 fand der erste Maraton lađa statt. 18 Mannschaften gingen an den Start. Weitere Teams hätten teilnehmen können, doch einige der vorhandenen historischen Boote waren bereits in einem so schlechten Zustand, dass sie nicht rechtzeitig für das Rennen hergerichtet werden konnten.
Aus dem Experiment wurde eine Tradition. Heute führt der Maraton lađa über rund 22,5 Kilometer von Metković nach Ploče. Das einstige Arbeitsgerät ist damit zum sportlichen und kulturellen Symbol des Neretva-Tals geworden. Seit 2022 ist die „Tradition des Lebens mit Trupa und Lađa“ zudem als immaterielles Kulturgut Kroatiens geschützt. Dazu gehören nicht nur die Boote selbst, sondern auch das Wissen über ihren Bau, ihre Nutzung und die mit ihnen verbundenen Bräuche.
Wie lebendig diese Tradition geblieben ist, zeigte sich 2025 auf ungewöhnliche Weise: Eine traditionelle Neretva-Lađa gelangte bis nach New York. Kroatische Ruderinnen und Ruderer bewegten das Boot auf Hudson und East River und passierten dabei unter anderem das Hauptquartier der Vereinten Nationen. Ein Bootstyp, der ursprünglich Menschen, Tiere und Ernte durch die flachen Gewässer eines südkroatischen Flusstals transportierte, war damit mehr als ein Jahrhundert später in einer der größten Metropolen der Welt unterwegs.
Zwei Münzseiten erzählen eine Geschichte
Genau diesen Wandel greift Petar Varga auf der neuen Sammlermünze auf. Die Vorderseite zeigt zwei Neretva-Boote aus der Vogelperspektive. Dadurch werden Bug und Heck sowie die charakteristische innere Konstruktion mit ihren hölzernen Spanten sichtbar. Eine abstrahierte Wasserstruktur stellt die Verbindung zur Flusslandschaft her.
Die Rückseite zeigt dagegen Ruderer in einer Neretva-Lađa und verweist damit auf die heutige Tradition des Maraton lađa. Die dynamische Komposition betont Bewegung, Rhythmus und die gemeinschaftliche Kraft der Mannschaft. Beide Seiten funktionieren damit wie eine kleine historische Erzählung: Die eine zeigt das Boot als Arbeitsgerät und historisches Objekt, die andere das Boot als lebendiges Kulturerbe.
Die Ausgabe erscheint in fünf Varianten. Drei Goldmünzen zu einer Unze, einer Viertelunze und einer Sechzehntelunze werden in maximalen Auflagen von 50, 200 beziehungsweise 1.000 Exemplaren ausgegeben. Hinzu kommen Silbermünzen zu einer und zwei Unzen mit Auflagen von 1.500 beziehungsweise 500 Stück. Die Ein-Unzen-Goldmünze wird in Proof geprägt, die übrigen Varianten in Brilliant Uncirculated.
Vom Verkehrsmittel zum Symbol
Damit schließt sich ein Kreis, der mehr als ein Jahrhundert umspannt. Im Jahr 1895 war eine Lađa ein Gebrauchsgegenstand. Niemand baute sie, damit sie eines Tages bei einem großen Sportereignis eingesetzt oder auf einer Sammlermünze verewigt werden würde. Sie sollte Menschen und Waren von einem Ort zum anderen bringen.
Als Straßen und Motorfahrzeuge die Lađa überflüssig machten, schien ihre Geschichte beinahe beendet. Doch aus dem Arbeitsboot wurde ein Rennboot, aus einem Verkehrsmittel ein Kulturerbe und aus regionaler Erinnerung schließlich ein Motiv auf Gold und Silber. Gerade diese ungewöhnliche Entwicklung macht die Lađa zu weit mehr als nur einem traditionellen Boot des Neretva-Tals.



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