Deutschland leidet unter Trockenheit. Der Rhein führt so wenig Wasser, dass die Folgen inzwischen weit über vertrocknete Rasenflächen und traurige Gartenbesitzer hinausgehen. Frachtschiffe können teilweise nur noch mit einem Bruchteil ihrer üblichen Ladung fahren, Transportkosten steigen und erste Industrieunternehmen bekommen die Folgen unmittelbar zu spüren.
Und damit wären wir im Herzen der deutschen Wirtschaft angekommen. Denn wenn der Rhein nicht mehr genügend Waren transportieren kann, müssen eben mehr Güter auf die Straße. Ein einziges Binnenschiff durch Lastwagen zu ersetzen, kann je nach Ladung bis zu 150 Lkw erfordern. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger forderte deshalb, das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lastwagen vorübergehend zu lockern. Eine grundsätzlich vernünftige Idee. Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz reagierten, andere Länder folgten. Baden-Württemberg, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern kamen hinzu, später auch Hessen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Am Donnerstag meldete schließlich Thüringen eine entsprechende Ausnahme. Viele Regelungen gelten zunächst bis Ende August.
Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Eine der wichtigsten Wasserstraßen Europas trocknet aus, Industrieunternehmen kämpfen mit ihrer Rohstoffversorgung – und Deutschland arbeitet sich Bundesland für Bundesland zu der Erkenntnis vor, dass Lastwagen vielleicht auch sonntags fahren sollten. Der Rhein fließt bekanntlich durch mehrere Länder, aber offenbar nicht durch dieselbe Zuständigkeit. Das ist deutscher Föderalismus in seiner schönsten Form: Das Problem ist längst bundesweit angekommen, während die Lösung noch Landesgrenzen überquert.
Wenn Wasser zum Standortfaktor wird
Wir erleben gerade, wie aus einem vermeintlichen Umweltthema ein handfester Wirtschaftsfaktor wird. Der Rhein ist keine romantische Kulisse für Burgen, Riesling und Ausflugsschiffe, sondern eine industrielle Hauptschlagader Europas. Wenn Frachter wegen niedriger Pegel weniger Kohle, Chemikalien, Mineralölprodukte, Getreide oder andere Massengüter transportieren können, steigen die Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Das Problem dürfte uns nicht nur diesen Sommer beschäftigen. Unternehmen müssen sich zunehmend darauf einstellen, dass Niedrigwasser häufiger zum Bestandteil ihrer Logistikplanung wird. Zusätzliche Lagerbestände, alternative Transportwege, mehr Bahnkapazitäten und mehr Lastwagen kosten Geld. Reuters zitiert eine ING-Schätzung, nach der allein die Beeinträchtigungen des Rheinverkehrs das deutsche Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 0,3 Prozentpunkte drücken könnten. Gleichzeitig treffen Hitze und Trockenheit Landwirtschaft, Energieversorgung und Produktivität. Wer Klimarisiken noch immer für ein Thema hält, das vor allem Nachhaltigkeitsberichte beschäftigt, sollte vielleicht einmal einen Blick auf die Frachtraten am Rhein werfen. Dort wird Klimawandel inzwischen in Euro abgerechnet.
Umso bemerkenswerter ist eine andere Nachricht dieser Woche. Die deutschen Exporte stiegen im Juni gegenüber Mai kalender- und saisonbereinigt um 0,9 Prozent, gegenüber dem Vorjahresmonat sogar um 6,6 Prozent. Insgesamt wurden Waren im Wert von rund 139,3 Milliarden Euro ausgeführt. Gleichzeitig legte die Industrieproduktion im Juni zum dritten Mal in Folge zu, und die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe waren gegenüber Mai um 3,1 Prozent höher.
Vielleicht ist die deutsche Wirtschaft also besser als ihr Ruf – nur die Rahmenbedingungen, welche die Politik den Unternehmern zur Verfügung stellt, bleiben bescheiden. Unsere Unternehmen schaffen es trotz hoher Energiekosten, geopolitischer Unsicherheit, Handelskonflikten und struktureller Standortprobleme, ihre Exporte zu steigern. Man könnte ihnen dafür gelegentlich auch einfach ermöglichen, ihre Waren möglichst unkompliziert von A nach B zu bekommen.
Finanzmärkte: Ein bisschen weniger Inflation reicht schon für gute Laune
An den internationalen Finanzmärkten kam die wichtigste Nachricht der Woche aus den USA. Die Verbraucherpreise stiegen im Juli gegenüber dem Vorjahr um 3,4 Prozent nach 3,5 Prozent im Juni. Die Kerninflation sank von 2,6 auf 2,5 Prozent. Das ist immer noch deutlich mehr Inflation, als die Federal Reserve gerne hätte, aber an der Börse genügt inzwischen offenbar schon die Nachricht, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung im September wurde anschließend geringer eingeschätzt.
Die Fed bekommt damit allerdings zwei widersprüchliche Botschaften serviert: Die Preise sprechen weiterhin für Vorsicht, die Konjunktur zunehmend dagegen. Gold hält sich unterdessen nach seiner beeindruckenden Aufholjagd der vergangenen Woche auf hohem Niveau. Das ist bemerkenswert, weil die jüngsten US-Inflationszahlen zumindest einen Teil der unmittelbaren Angst vor weiteren Zinserhöhungen genommen haben. Gold lebt derzeit also nicht allein von der Geldpolitik. Geopolitische Risiken, hohe Staatsschulden und die Suche nach Absicherung bleiben wichtige Stützen.
Jetzt wird Liquidität doppeldeutig
In der kommenden Woche sollten Anleger deshalb auf zwei vollkommen unterschiedliche Arten von Liquidität achten. In Deutschland entscheidet der Wasserstand darüber, wie teuer Rohstoffe und Waren transportiert werden können. An den Finanzmärkten entscheidet die Aussicht auf die weitere Geldpolitik darüber, wohin Milliarden von Anlegergeldern fließen. Oder mit anderen Worten: An den Finanzmärkten wird ständig über Liquidität gesprochen. In Deutschland bekommt dieser Begriff gerade eine vollkommen neue Bedeutung.



Neueste Kommentare