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Heiliger Bürokratisierungs-Bimbam: Wie der Vatikan seine Kunden vergrault

Heiliger Bürokratisierungs-Bimbam: Wie der Vatikan seine Kunden vergrault

Es gibt Sammlerjahre, die schreibt man sich fett in den Kalender. 2025 ist so eines. Sedisvakanz – ein historischer Ausnahmezustand. Ich war also bereit. Bereit, mich um den letzten Kursmünzensatz mit dem Wappen von Papst Franziskus sowie die 2-Euro-Gedenkmünzen aus dem Vatikan zu bemühen. Was ich nicht wusste: Ich würde nicht um eine Münze kämpfen, sondern gegen ein System von Gottes Gnaden.

Alles begann harmlos. Eine E-Mail, höflich formuliert, mit dem Versprechen von „Erneuerung“, „Modernisierung“ und – natürlich – „Datenschutz“. Man möge sich bitte neu registrieren. Auch dann, wenn man seit Jahren Kunde ist. Kein Problem, dachte ich. Ein Formular, vielleicht zwei, ein Klick – erledigt. Es wurde eine PDF-Datei mit acht Seiten. Phase 1: Registrierung. Phase 2: Aktivierung. Schon hier hätte ich misstrauisch werden müssen. Wer Prozesse in „Phasen“ gliedert, meint es ernst. Sehr ernst. Und genauso fühlte es sich dann auch an.

Ich sollte meine Steuernummer eingeben. Für eine Münze. Ich sollte meinen Personalausweis hochladen. Vorder- und Rückseite, selbstverständlich als PDF. Wie zur Hölle bekomme ich meinen Personalausweis in eine PDF-Datei? Welcher Haushalt hat schon einen Scanner? Also schnell ein Foto gemacht. Doch wie wird aus einem Foto eine PDF? Gewusst wie – schnell das Foto als PDF abgespeichert? Doch weit gefehlt – die Dateigröße ist zu groß und muss erst komprimiert werden. Erledigt.

Doch dann: Ich sollte meine Steuernummer nicht nur eingeben, sondern auch als Dokument nachweisen. Also fix einen alten Steuerbescheid hervorgekramt und ebenfalls abfotografiert und komprimiert. Dass der Vatikan somit nicht nur meine Steuernummer sehen könnte, sondern auch andere sensible Daten? Wenn Gott höchstpersönlich zum Datenschützer wird, kann doch nichts passieren.

Der nächste Schritt – kein Scherz: Ich soll Fotos von mir machen, zusammen mit meinem Ausweis. Die Vorderseite des Ausweises und mein Gesicht parallel in die Kamera halten – ganz schön kompliziert für einen Grobmotoriker wie mich. Das Ganze dann noch einmal mit der Rückseite. Einmal bitte freundlich schauen. Einmal ernst. Fast hätte ich erwartet, dass man mir eine Nummer in die Hand drückt. Oder mich zur Fahndung ausschreibt.

Kurz nachdem ich auch den letzten Passierschein gesichert und die Bewerbung abgeschickt hatte, kam die erste Antwort: Es fehlt die Rückseite des Ausweises. Bitte alles noch einmal. Nicht: Bitte nachreichen. Nicht: Bitte korrigieren. Sondern: Einmal zurück auf „Los“ gehen. Alles von vorn. Noch einmal. Ich begann, mich zu fragen, ob ich noch Sammler bin – oder ob das Jüngste Gericht bevorsteht.

Während ich mich also durch diesen digitalen Bußgang arbeitete, erklärte man mir parallel, dass dies alles dem Datenschutz diene. Datenschutz. Ein Wort, das in diesem Kontext eine ganz eigene Ironie entfaltet. Denn selten habe ich so viele persönliche Daten an eine Stelle außerhalb der Europäischen Union hochgeladen, ohne zu wissen, wer sie nach welchen Gesichtspunkten prüft, wann sie geprüft werden und ob sie überhaupt angekommen sind. Hierzulande schimpfen wir über die USA und ihre Regeln bei der Einreise – doch ein ESTA-Antragsformular ist nichts gegen das, was sich der Vatikan wegen einer schnöden 2-Euro-Münze erlaubt.

Nachdem auch die Rückseite meines Ausweises ordnungsgemäß in einer PDF-Datei gespeichert war, passierte: Nichts. Wochenlang keine Reaktion vom Vatikan. Erst auf Nachfrage erhielt ich eine bemerkenswerte Auskunft: Die Überprüfung erfolge in einer anderen Abteilung. Man könne den Bearbeitungsstand nicht einsehen. Ich stelle mir seitdem vor, wie meine Daten durch die vatikanischen Korridore wandern, von Schreibtisch zu Schreibtisch, von Server zu Server, begleitet von der Gewissheit, dass niemand so genau weiß, wo sie gerade sind. Meine einzige Gewissheit: Gott sieht alles. Aber wird er mir eines Tages die Gnade einer Bestellmöglichkeit gewähren?

Währenddessen passierte etwas Bemerkenswertes am Markt. Die Münzen, die ich zu erwerben versuchte, tauchten längst auf Plattformen wie eBay auf. Für Preise, die sich gewaschen hatten. 20 bis 25 Euro kostet eine 2-Euro-Gedenkmünze beim Vatikan. 150 Euro auf dem Zweitmarkt. Ein Aufschlag, der selbst in anderen Sammelgebieten für Stirnrunzeln sorgen würde. Man könnte meinen, der Zugang sei streng reguliert, um Missbrauch zu verhindern. Tatsächlich passiert das Gegenteil. Wer es durch das Registrierungs-Nadelöhr schafft, sitzt offenbar an einer Quelle, die sich hervorragend monetarisieren lässt. Der Rest schaut zu – oder zahlt drauf.

Und während draußen die Preise steigen, zeigt der Blick in den vatikanischen Onlineshop ein anderes Bild: Bestände? Tausende. Zehntausende. Die „Sede Vacante“-Münze? Rund 35.000 Stück verfügbar. Ein Ladenhüter – im selben System, das Knappheit produziert. Es ist ein Widerspruch, der sich nicht auflösen will. Münzen sind da. Sammler sind da. Geld ist da. Was fehlt, ist ein funktionierender Weg dazwischen.

Ich habe inzwischen mehrere Registrierungen hinter mir. Ich habe Dokumente eingescannt, zusammengefügt, erneut hochgeladen. Ich habe Fotos gemacht, die ich sonst nur für Passanträge anfertige. Ich habe Fehlermeldungen gelesen, E-Mails beantwortet und auf Antworten gewartet, die keine Antworten waren.

Und ich frage mich zunehmend: Wer soll dieses System eigentlich bedienen? Dass unter dem Deckmantel des Datenschutzes eine Vorratsdatenspeicherung von historischem Ausmaß vorangetrieben wird, ist skandalös – aber womöglich nur deshalb legal, weil der Vatikan außerhalb der europäischen Datenschutzregeln agiert.

Dass der Bestellprozess keinesfalls barrierefrei ist, sondern treue Kunden, Gelegenheitskäufer und Einsteiger (und alle Münzensammler, die keine Computer-Cracks sind) nach einem nicht erkennbaren Muster in der Warteschleife hält, ist geradezu lächerlich. Die einzigen, die profitieren, sind hartnäckige Wiederverkäufer. Man wollte den Zugang „fairer“ machen, „transparenter“, „globaler“. Herausgekommen ist ein System, das abschreckt, verlangsamt und verknappt. Und das genau jene belohnt, die man eigentlich bremsen wollte.

Ich wollte 2025 doch nur eine Münze kaufen. Bekommen habe ich einen Einblick in ein Vertriebs-Desaster, dass dazu führen wird, dass viele Euro-Sammler künftig einen großen Bogen um den Vatikan machen werden. Denn offenbar funktioniert selbst mit Gottes Hilfe nicht jedes Wunder.

COINOSSEUR

Jahr

2017

Seiten

270

Format

DIN A5 (14,8 x 21,0 cm), Hochweriger Graustufen-Druck, Premium-Glanzpapier

Preis

24,90 Euro